Zart mit der Kettensäge
Skulptur als Botschaft: „Wächterin“ von Gabriele von Lutzau in Idstein

Sie soll nicht nur Schmuck sein, sondern auch behüten: Die „Wächterin“ von Gabriele von Lutzau in der neuen Idsteiner Klinik.Foto: wita/Kühner
Vom 10.01.2008

Er stand an exponierter Stelle im Idsteiner Wald – an der Wegekreuzung nach Schlossborn. Jetzt steht er an exponierter Stelle im Foyer der neu gebauten Idsteiner Helios -Klinik. Der Hainbuchenstamm wurde zur Kunst. Die Bildhauerin Gabriele von Lutzau rückte ihm mit Kettensäge und Flammenwerfer zuleibe. Brachiales Handwerkszeug, das sich durch ihre Lebensgeschichte erklärt: Als Flugbegleiterin Gabriele Dillmann hat sie 1977 die Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ erlebt.

Von
Birgitta Lamparth

„Sie hat ziemlich wilde Flügel – soll ich sie zähmen?“ fragte die Bildhauerin aus dem kleinen Dorf im Odenwald ihre ehemalige Kollegin Ute Samson. „Auf keinen Fall: Idstein braucht ein bisschen was Wildes, Weibliches“, war die Antwort der Heilpraktikerin und früheren Idsteiner Stadtverordneten. Sie hat das Projekt „Wächterin“ ins Rollen gebracht. Denn so betitelt Gabriele von Lutzau ihre hoch aufragenden Skulpturen, die Engeln gleichen. „Engel von Mogadischu“ wurde sie selbst einst von den 86 Passagieren der „Landshut“ genannt, die fünf Tage lang in der Hand von Terroristen waren.

30 Jahre her ist dieses Drama, das zur Zeit verfilmt wird und als TV-Produktion im Frühjahr in der ARD herauskommen soll, mit Nadja Uhl als Gabi Dillmann. Aus der echten Gabi Dillmann ist längst die renommierte Künstlerin Gabriele von Lutzau geworden. Und als Ute Samson auf der Suche nach einem Kunstwerk für die neue Idsteiner Klinik war und ihren Werken begegnete, entdeckte sie die einstige Kollegin neu. Durch diese Verbindung konnte der von ihr mitgegründete Förderkreis Idsteiner Krankenhaus, unterstützt von der Naspa, eine Arbeit in Auftrag geben.

Fünf Stämme der Hainbuche aus dem Idsteiner Wald wurden in einer konzertierten Aktion mit dem Bauhof zum Atelier der Künstlerin gefahren – aus dem Idsteiner Baum werden noch weitere „Wächter“ für andere Standorte. Mit der Kettensäge hat Gabriele von Lutzau für die Idsteiner Arbeit aus dem Zwiesel – ein Baum mit zwei gleichen Hauptästen – bemerkenswert zart eine zierliche Frauen-Silhouette herausgearbeitet. Die schlanke Skulptur wird von zwei behütend ausgebreiteten und mit ihrer gekerbten Oberfläche sehr lebendig wirkenden Flügeln bekrönt. Nach dem Trocknen wurde die Arbeit dunkel geflammt und mit einem Bio-Firnis versehen.

Seit dem 11. September 2001 arbeitet Gabriele von Lutzau mit dieser Technik, bei der Arbeiten in der eigenen Asche geschwärzt werden. Frühere Wächter waren noch sanftmütiger in blau. Jetzt wird die 2,45 Meter große Skulptur noch einen stabileren Sockel erhalten, um im Tagesgeschehen der späteren 80-Betten-Klinik nicht ins Schwanken zu kommen. Die Bildhauerin selbst war von der Kombination Gesundheitszentrum und Wächter angetan: „Es gibt Künstler, die damit arbeiten, Ängste zu zeigen. Ich arbeite anders: Ich will den Ängsten Freiheit und Leichtigkeit entgegensetzen“ ist ein Credo ihres Schaffens. Ein Schutzengel also für Idstein – und ein denkbar gut gewähltes Motiv für ein Krankenhaus.